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09. Februar 2010
 

Berlin direkt

 
sonntags, 19.10 Uhr
Kampf um bessere Bildung. Quelle: dpa,ZDF
Ungerechtes Bildungssystem?

Berlin direkt

Armutszeugnis für die Bildung

Kritiker fordern mehr Chancengleichheit

von Stefanie Reulmann

Besetzte Hörsäle und bundesweite Protestaktionen: Die Studenten gehen auf die Straße, zeigen so ihren Widerstand gegen die Missstände im deutschen Bildungssystem. Doch eine schlechte Ausstattung und ein Mangel an Lehrkräften gibt es nicht nur an den Universitäten - auch die Schulen sind davon betroffen. Doch das größte Problem in der Bildung ist die fehlende Chancengleichheit.

 
 
 
 

70.000 Jugendliche verlassen jährlich die Schule ohne Abschluss - eine alarmierend hohe Zahl. Denn ohne Abschluss finden sie hierzulande keinen Ausbildungsplatz und auch nur selten einen Job. Die Jugendlichen zahlen keine Steuern, keine Sozialleistungen - sie sind von Beginn an auf Transferleistungen angewiesen. Bei vielen von ihnen wird sich das wohl auch später nicht mehr ändern.

Thomas Straubhaar. Quelle: ZDF
ZDF
Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburger Welt-wirtschaftsinstitutes

Föderalismus als Bremsschuh?

Schon aus rein ökonomischer Sicht könne Deutschland es sich nicht leisten, diese Jugendlichen einfach zurückzulassen, mahnt der Präsident des Hamburger Weltwirtschaftsinstitutes, Thomas Straubhaar. Als wesentliches Problem unserer Bildungspolitik bezeichnet er den Föderalismus - und fordert, dass der Bund mehr bundesweit einheitliche Bildungsstandards, etwa ein Zentralabitur, vorgeben müsse, so Straubhaar gegenüber Berlin direkt.

Doch das Kernproblem unseres Bildungssystems ist die Ungerechtigkeit, es herrscht keine echte Chancengleichheit. Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Studienerfolg werde immer größer, klagt der Soziologe Tino Bargel im Berlin-direkt-Interview. Das bedeute, bei Kindern aus einem akademischen Elternhaus sei die Chance, dass sie später auch studierten, wesentlich größer als bei Kindern aus Arbeiterfamilien. Diese hätten es viel schwerer, ihr Potential zu entwickeln und zu zeigen. Die Zahl der so genannten jugendlichen "Bildungsaufsteiger" sei in unserem Land viel zu gering, kritisiert der Bildungsforscher.

Integration. Quelle: ZDF
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Kinder mit Migrationshintergrund

Längeres gemeinsames Lernen

Untersuchungen haben ergeben, dass das unter anderem daran liegt, dass die Kinder in Deutschland nicht lange genug zusammen lernen - es wird zu früh aussortiert. Bereits nach der Grundschule werden die Kinder ihren Leistungen entsprechend in die Oberschulen verteilt - in den meisten anderen Ländern ist das anders, da lernen die Kinder länger zusammen.

Deshalb haben in Deutschland Kinder aus bildungsfernen Schichten, häufig auch mit Migrationshintergrund, die sich bereits im Kindesalter mit der deutschen Sprache schwer tun, einen viel schlechteren Start ins Schulleben, sind häufig benachteiligt. Abhilfe schaffen könnte da unter anderem der Ausbau der Frühförderung in Kitas - doch die Pläne scheitern meist an der Finanzierung, obwohl die Politik nicht müde wird zu betonen, wie wichtig die Frühförderung sei.

 

Bafäg-Erhöhung zum 1. Oktober 2010

In diesem Zusammenhang wehrt sich Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) auch energisch gegen das von der CSU geplante Betreuungsgeld. Sie sieht darin eine Gefahr, dass gerade förderungsbedürftige Kinder aufgrund des finanziellen Anreizes zu Hause betreut werden, obwohl gerade ihnen diese Förderung zugute käme.

Annette Schavan. Quelle: reuters
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Bildungsministerin Annette Schavan (CDU)

Und Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) betont, dass die Bildung bei der schwarz-gelben Regierung ganz oben rangiere. So würden in den nächsten vier Jahren zwölf Milliarden Euro in Bildung investiert - unter anderem in die von der Bundesregierung am Donnerstag angekündigte Bafög-Erhöhung zum 1. Oktober 2010. Insgesamt sollen diese Bildungsgelder zu einem hohen Prozentsatz den Hochschulen zugute kommen.

"Studenten durch Finanzsorgen belastet"

Und die können die Gelder gut gebrauchen. Neben der üblichen Überfüllung und dem Mangel an Lehrkräften an den Universitäten, gibt es derzeit massive Probleme bei der Umstellung vieler Studiengänge auf Bachelor- und Masterstudiengänge. Die damit verbundene Verkürzung der Studienzeiten bedeutet, dass auch Stoff und Prüfungsumfang entsprechend angepasst werden müssen - auch der Betreuungsbedarf ist erhöht. Doch dafür stehen keine finanziellen Mittel zur Verfügung.

 

Stattdessen will die Bundesregierung ein nationales Stipendiensystem für besonders leistungsstarke Studenten einführen. Ein Problem, findet der Konstanzer Bildungsforscher Tino Bargel, denn viel wichtiger sei die Abschaffung der Studiengebühren und der Ausbau des Bafög, weil dieses eine soziale Ausrichtung habe. Es ermögliche auch finanziell schwächer ausgestatteten Studenten die Aufnahme eines Studiums. Und in den letzten Jahren sei zu beobachten, so Bargel, dass finanzielle Sorgen von Studenten enorm zugenommen hätten, wodurch auch die Studienqualität leide.

Tino Bargel, Soziologe und Bildungsforscher. Quelle: ZDF
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Tino Bargel, Soziologe

Mehr für Leistungsschwache tun

Deshalb, mahnt der Soziologe, müsse auch beim Stipendienprogramm für Hochbegabte eine soziale Komponente eingebaut werden - "das reine Leistungsprinzip wäre ungerecht". Zwar sei die Förderung der Leistungsstarken in der Gesellschaft wichtig, doch da sei auch die Wirtschaft gefordert, sagt der Bildungsforscher Bargel. Sie müsste spezielle Stipendienprogramme einrichten, etwa für Ingenieure, um ihren Nachwuchs gezielt zu fördern. Schließlich habe sie ein "ureigenes Interesse" an gut ausgebildeten Kräften.

Doch man dürfe nicht "nur die Starken weiter unterstützen", mahnt der Soziologe Bargel, man dürfe zudem die Leistungsschwachen nicht aus den Augen verlieren, müsse mehr für sie tun, denn, so der Forscher weiter: "Der beste Lehrer ist der, der alle Schüler mitnimmt." Für das Bildungssystem gelte das gleichermaßen.