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09. Februar 2010
 

Berlin direkt

 
sonntags, 19.10 Uhr
Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken im Bundestag. Quelle: ZDF
Gregor Gysi (Linke)

Berlin direkt

"Die Zeit ist dafür nicht reif"

Gregor Gysi über die Nachfolgedebatte in seiner Partei

von Peter Hahne

Natürlich müsse "eines Tages der Generationswechsel eingeleitet werden", betont der Fraktionschef der Linken im Berlin-direkt-Interview, doch derzeit halte er "Nachfolgedebatten für falsch". Gysi zeigt sich optimistisch, dass Oskar Lafontaine nach seiner Krankheit zum Parteivorsitz der Linken zurückkehre - schließlich müssten sie beide dafür sorgen, "dass die innerparteiliche Vereinigung von Ost und West tatsächlich gelingt", so Gysi.

 
 
 
 

ZDF: In Ihrer Partei laufen sich derzeit zwei Kollegen richtig warm, um Oskar Lafontaine einmal zu beerben: Dietmar Bartsch und Bodo Ramelow. Halten Sie die beiden für geeignet für den Parteivorsitz?

Zitat

„Ich gehe davon aus, dass Oskar Lafontaine im Mai wieder Vorsitzender wird.“

Gregor Gysi

Gregor Gysi: Zur Zeit denke ich über nichts anderes nach, als darüber, dass Oskar Lafontaine so schnell wie möglich und so gut wie möglich genesen muss. Ich finde, das sollte jetzt unser erster Gedanke sein. Er wird sich Anfang Januar äußern. Er war, ist und bleibt wichtig für unsere Partei. Ich gehe davon aus, dass er wieder Vorsitzender wird, im Mai. Alle Nachfolgedebatten halte ich für falsch, und eigentlich weiß ich auch von beiden, die Sie jetzt genannt haben, dass sie das selber nicht wollen. Ich weiß nicht, ob da nicht Missverständnisse vorliegen. Ich kann nur sagen, das kommt für mich zur Zeit wirklich gar nicht in Frage.

 

ZDF: Aber weder Ramelow noch Bartsch dementieren das richtig - und auch Sie selbst sagen: Wir brauchen einen Generationswechsel in der Partei. Hieße das dann, wenn Lafontaine im Amt bleibt, holen Sie sich einen Jüngeren zum Fraktionsvorsitz?

Zitat

„Wir müssen dafür sorgen, dass die Vereinigung Ost und West in der Partei tatsächlich gelingt.“

Gregor Gysi

Gysi: Nein, bei mir heißt das was ganz anderes. Ich weiß, dass wir irgendwann einen Generationswechsel brauchen. Aber gerade Oskar Lafontaine und ich haben doch noch eine große gemeinsame Verantwortung für die Partei. Wir müssen dafür sorgen, dass die Vereinigung Ost und West in der Partei tatsächlich gelingt. Es ist unsere historische Aufgabe, und die wird noch Zeit in Anspruch nehmen.

 

Und dann, wir wissen beide, wie alt wir sind, was wir können, und da brauchen sich andere auch gar nicht einzumischen, dass sie uns Termine vorgeben - das kriegen wir schon selber ganz gut hin - wissen wir auch, dass wir natürlich eines Tages den Generationswechsel einleiten müssen. Dagegen ist auch nichts zu sagen. Aber die Zeit ist dafür überhaupt nicht reif. Und vor Mai 2010 sollten wir gar nicht daran denken. Sie können immer davon ausgehen, Oskar Lafontaine und ich sind auch klug genug zu wissen, wann es soweit ist. Und dann sagen wir es rechtzeitig.

 

ZDF: Sie sagen es rechtzeitig - Sie sagen jetzt aber schon, die Partei ist noch nicht so richtig vereinigt zwischen Ost und West. Das heißt: Der Graben ist noch tief?

 

Gysi: Wir haben uns doch erst als gemeinsame Partei organisiert, 2007. Wir sind die einzige Partei, die nicht organisiert hat, dass eine Partei beitritt und sich eine nur unterzuordnen hat, sondern die wirklich eine faire Vereinigung organisiert hat. Ich kann Ihnen sagen, das ist komplizierter - das ist so.

Aber wir haben in Berlin auf dem Parteitag im Juni 2009 einen ganz wichtigen Schritt gemacht, zum Beginn einer wirklichen Vereinigung, weil alle begriffen haben, dass Siege von 60 Prozent über 40 Prozent in der Partei nichts bringen, sondern alle anschließend verlieren, dass wir uns wirklich in unserem Pluralismus anbieten müssen. Den muss man wollen, den muss man anstreben, den muss man formulieren. Deshalb bin ich optimistisch, dass wir es hinkriegen. Aber Sie haben völlig recht, ganz leicht ist das nicht. Ich sage Ihnen, Beitritt zu organisieren ist relativ leicht, eine faire Vereinigung ist komplizierter - aber wir machen das.

 

ZDF: Pluralismus heißt ja auch, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, aber auch, dass Jüngere rankommen. Diese Diskussion wird doch in Ihrer Partei geführt, die wird ja nicht von außen geführt. In Ihrer Partei heißt es, es müssen endlich mal Jüngere ran.

 

Gysi: Ich kenne nur einen, der das formuliert hat. Das ist für mich noch nicht die Partei. Ich kenne viele Briefe, wo sich alle darüber aufregen und genau das Gegenteil sagen. Sie sagen, das können wir jetzt überhaupt nicht gebrauchen, und das ist ja auch so. Wir bereiten uns jetzt hier gerade auf einen ganz wichtigen Landtagswahlkampf vor, und ich glaube, viele in unserer Partei sind sehr zufrieden damit, dass sie Leute haben wie Oskar Lafontaine und mich.

Zitat

„Ich habe mit ihm telefoniert, die Operation hat er gut überstanden, und deshalb bin und bleibe ich ein Optimist.“

Gregor Gysi

Im Augenblick ist Oskar Lafontaine krank, das ist ein Problem. Er hat das ja selbst öffentlich erklärt. Anfang des Jahres werden wir weiter wissen. Ich habe mit ihm telefoniert, die Operation hat er gut überstanden, und deshalb bin und bleibe ich ein Optimist. Er wird ganz bestimmt bundespolitisch erhalten bleiben, und auch der Bundesrepublik Deutschland. Ich finde beide haben es verdient: die Bundesrepublik und die Partei.

 

ZDF: Noch eine Frage zur neuen SPD-Führung: Wird es mit ihr einfacher, sich jetzt in irgendeiner Form näher zu kommen?

 

Gysi: Es wird etwas lockerer werden. Aber sie ist ja die Oppositionsrolle seit 11 Jahren nicht mehr gewöhnt. Das wichtigste ist, sie muss sich resozialdemokratisieren. Aber ich denke, es wird das ein oder andere etwas leichter werden. Warten wir es ab. Alternativen scheitern nie an uns, sondern wenn, Sie kennen das aus Thüringen und dem Saarland, immer an den anderen.