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21. November 2009
 

Berlin direkt

 
sonntags, 19.10 Uhr
Menschenmassen auf der Berliner Mauer. Quelle: imago
Mauerfall vor 20 Jahren - unterschätzte Herausforderung?

Berlin direkt

Erfolg ist relativ

20 Jahre Wiedervereinigung

von Benjamin Gaul

Am 9. November 2009 feiert das vereinte Deutschland den Fall der Mauer zum zwanzigsten Mal. 1,6 Billionen Euro flossen in den so genannten Aufbau Ost. Zeit für eine Bestandsaufnahme. Wo stehen wir heute nach diesen zwei Jahrzehnten?

 
 
 
 

Touristen, die zum ersten Mal nach Berlin kommen, können sich meist nicht mehr vorstellen, dass die Stadt früher einmal geteilt war. Sie kaufen ein in der Friedrichstraße, amüsieren sich an den zahlreichen Ständen am ehemaligen Kontrollpunkt Checkpoint Charly über die lustigen russischen Hüte, Uniformen und Medallien und machen die üblichen Fotos vom Reichstag, Brandenburger Tor, Hauptbahnhof und Potsdamer Platz. An irgendeinem Punkt drängt sich dann meist die Frage auf: Ach, hier hat die Mauer gestanden?

Wer profitiert mehr von der Einheit?

Zwanzig Jahre ist es her, dass Ost- und Westdeutsche gemeinsam auf der Mauer tanzten, sich wildfremde Menschen auf der Straße umarmten und jeder Trabbi, der nach Westberlin fuhr, begrüßt wurde wie die Nationalelf auf der Fußball-Fanmeile. Viel Zeit ist seitdem vergangen und obwohl gegenseitige Vorurteile zwischen "Ossis" und "Wessis" leidenschaftlich gepflegt werden, muss man oft länger nach eindeutigen Hinweisen suchen, ob man sich gerade im West- oder Ostteil der Stadt befindet. Wie steht es da um die deutsch-deutsche Zufriedenheit heute?

 

Bei der Frage, ob die Wiedervereinigung richtig war, sind sich Ost und West relativ einig. 91 Prozent der Ostdeutschen finden die Wiedervereinigung laut ZDF-Politbarometer rückblickend richtig, 85 Prozent der Westdeutschen sind derselben Meinung. Fragt man allerdings, wer eher von ihr profitiert habe, stößt man auf deutliche Unterschiede. 60 Prozent der Westdeutschen glauben, dass eher der Osten profitiert hat, im Osten glauben das nur 23 Prozent der Befragten. 34 Prozent der Ostdeutschen finden vielmehr, dass der Westen als Nutznießer aus der Wiedervereinigung hervorgegangen ist, während das im Westen nur 18 Prozent glauben.

 

Trotz aller Probleme ein Erfolg

Zirka 1,6 Billionen Euro sind im Zuge des "Aufbau Ost" bis heute in die neuen Bundesländer geflossen sind und doch hinkt der Osten dem Westen in manchem noch immer hinterher. Die Arbeitslosenquote ist doppelt so hoch und die Einkommen haben erst zirka 77 Prozent des Westniveaus erreicht. Wie das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in Dresden in einer Studie feststellt, herrschen "in weiten Teilen der ostdeutschen Bevölkerung Enttäuschung über die wirtschaftliche Entwicklung" vor. Dennoch müsse die deutsche Einheit trotz aller fortbestehenden Probleme als Erfolg gewertet werden.

 

Man müsse als Vergleich auch die Situation in der DDR und die Entwicklung der anderen ehemaligen Ostblockstaaten heranziehen, erklärt Projektleiter Joachim Ragnitz gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen". Dann erschienen die Erfolge nämlich gewaltig: Das verfügbare Einkommen habe sich seit 1989 verdoppelt, Bruttoinlandsprodukt und Produktivität hätten sich verdreifacht und statt der Hälfte besäßen nun drei Viertel der Einwohner ein eigenes Auto.

"Wohlstandsexplosion"

Die Vereinigung laufe viel besser, als es die Stimmung in West und Ost ausdrücke, meint auch Klaus Schroeder vom Forschungsverband SED-Staat in der "Frankfurter Allgemeinen" und spricht von einer "Wohlstandsexplosion in Ostdeutschland". Horst Opaschowski von der Stiftung für Zukunftsfragen erklärt gegenüber der "Wirtschaftswoche", warum der neu gewonnene Reichtum nicht glücklich macht. "Er weckt vor allem neue Ansprüche", so der Forscher, der 1990 DDR-Bürger fragte, ob sie sich arm fühlten. Nur sechs Prozent hätten damals mit ja geantwortet. Seitdem ist der Anteil auf ein Drittel gestiegen.

 

Die vom ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl einst versprochenen "blühenden Landschaften" haben sich nicht überall entwickelt. Aber die deutsche Einheit scheint heute in den Köpfen der meisten trotz aller Beschwerden Normalität geworden zu sein. Wer hätte das vor 20 Jahren für möglich gehalten? Erfolg ist eben relativ.