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09. Februar 2010
 

Berlin direkt

 
sonntags, 19.10 Uhr
Oskar Lafontaine. Quelle: reuters
Oskar Lafontaine

Berlin direkt

Linke in Schockstarre

Lafontaines Erkrankung führt zu Personaldiskussionen

von Stefanie Reulmann

Seit bekannt wurde, dass sich der Linken-Chef Oskar Lafontaine einer Krebs-Operation unterziehen muss, ist die Debatte um die Zukunft der Linkspartei voll entbrannt. Thüringens Landeschef Bodo Ramelow fordert einen Generationswechsel - andere in der Partei hoffen auf eine Rückkehr des Erfolgsgaranten Lafontaine, in welcher Form auch immer.

 
 
 
 

Er ist die unumstrittene Führungsfigur der Linken, auch wenn er für seine Polemik, seine Scharfzüngigkeit und sein aufbrausendes Temperament bekannt ist: Oskar Lafontaine. Ohne ihn hätte die Linke wohl kaum so schnell im Westen Fuß fassen können. Seiner Präsenz auf dem politischen Parkett und seiner Vergangenheit als SPD-Politiker hat der jetzige Parteichef der Linken seine Beliebtheit zu verdanken - nicht nur im Saarland, wo er einst für die SPD Ministerpräsident war.

 

Lafontaines politische Zukunft offen

Insbesondere unter den sozial Benachteiligten hat Lafontaine und mit ihm die Linke eine treue Anhängerschaft. Ob er gegen Heuschrecken und neoliberale Wirtschaftspolitik wettert oder Reichtum für alle fordert: Die Menschen hängen an seinen Lippen, und die Tatsache, dass er selbst fürstlich wohnt und wenig Bescheidenheit übt, scheint die Wähler nicht zu stören.

 

Doch mit der Bekanntmachung seiner Krebserkrankung am vergangenen Dienstag hat Lafontaine die Linke verunsichert. Bereits zwei Tage später unterzog er sich einer bereits länger geplanten Operation. Seine politische Zukunft aber hat er bislang offen gelassen - erst im Januar werde er darüber entscheiden, in Absprache mit seinen Ärzten, verkündete Lafontaine.

Klaus Ernst. Quelle: ap
ap
Klaus Ernst, Vize-Vorsitzender der Linken

Nachfolgediskussion ist "geschmacklos"

Doch kaum wurde die Erkrankung publik, entbrannte eine Nachfolgediskussion - angeregt vom Thüringer Fraktionschef der Linken, Bodo Ramelow. Er forderte eine Debatte über die Zeit nach Lafontaine, die jedoch auf heftige Kritik stieß, auch vom stellvertretenden Vorsitzenden der Linken, Klaus Ernst. Er nannte es "geschmacklos", da man doch einen amtierenden Vorsitzenden habe. Und auch Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch bezeichnete Ramelows Äußerungen als "unglücklich".

Im ZDF-Morgenmagazin ruderte Ramelow zurück. Er betonte, dass er zwar langfristig den Vorsitz nicht ablehne, aber eine solche Überlegung bei ihm nicht "tagesaktuell" sei. Derzeit sei er am Parteivorsitz nicht interessiert. Darüber hinaus betonte Ramelow, er habe bereits vor einigen Wochen die Frage des Generationswechsels in der Partei thematisiert - Lafontaine selbst habe zudem den Vorschlag einer Doppelspitze gemacht. Im ZDF sagte Ramelow dazu, er würde neben Oskar Lafontaine als "West-Gesicht" der Linken, gerne eine Frau aus Ostdeutschland positionieren.

 

Erfolgsfaktor Lafontaine

Eines scheint für viele Linke festzustehen: Oskar Lafontaine soll nach Möglichkeit das strategische Zentrum der Partei bleiben - auch falls er kürzer treten müsse. Die Partei weiß, was sie dem Saarländer zu verdanken hat. Er hat die Linke zusammengeführt, PDS und WASG, und ohne ihn wären die guten Ergebnisse der Linken bei den vergangenen Wahlen wohl kaum denkbar gewesen. Auch wenn er vielen ehemaligen PDS-lern wegen seiner Autorität ein Dorn im Auge ist, verzichten können sie momentan nicht auf ihn.

Bodo Ramelow. Quelle: dpa
dpa
Bodo Ramelow fordert Generationswechsel an der Parteispitze

Deshalb übt man sich in allen Landesverbänden in Optimismus. Der Chef der Berliner Linken, Klaus Lederer, zeigt sich gegenüber dpa zuversichtlich, dass Lafontaine auch im nächsten Jahr wieder für den Parteivorsitz kandidieren werde. Und auch der zweite Parteichef, Gregor Gysi, hofft, dass Lafontaine bald wieder gesund zurückkommen werde.

Rückzug auf Raten?

Politische Gegner sehen bei Lafontaine einen Rückzug auf Raten. Er hatte seine Krankheit öffentlich gemacht, nachdem das Magazin "Der Spiegel" am Montag einen Bericht veröffentlichte, der unter anderen eine angebliche Affäre Lafontaines mit einer Genossin thematisierte. Das Blatt spekulierte, dass dies der Grund für seinen Verzicht auf den Fraktionsvorsitz gewesen sein könnte, und die damit verbundene Rückkehr ins Saarland auf Drängen seiner Ehefrau geschehen sei. Berichtet habe der Spiegel über diese Privatsache, weil es sich nach Ansicht des Magazins um eine Wählertäuschung handelte, die natürlich von öffentlichem Interesse sei. Der Rückzug Lafontaines sei demnach bereits vor der Wahl beschlossene Sache gewesen.

 

Die Spekulationen darüber, was aus der Linken ohne Lafontaine werden könnte, beschäftigten nicht nur die Partei selbst, sondern natürlich auch den politischen Gegner. So prophezeit SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles der Linken eine ernsthafte Belastungsprobe für den Fall, dass Lafontaine seine Ämter aufgeben müsste. Dann werde die Partei in Radikale zerfallen, warnt Nahles im Bayerischen Rundfunk.