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20. März 2010
 

heute-Nachrichten

 
Studentenproteste. Quelle: dpa

Der Frust der Studenten

Bildungsstreik 2009: Warum Hochschüler auf die Straße gehen

von Thorsten Duin

Heidelberg, Marburg, Tübingen... an zahlreichen Unis besetzen Studenten Hörsäle, Tausende gehen auf die Straße. Es gärt an deutschen Unis. Ein Ende der Proteste ist nicht abzusehen. Warum die Studenten auf die Barrikaden gehen.

 
 
 

Sie haben die Nase voll von überfüllten Seminaren und Hörsälen, zu wenig Professoren, chronisch unterfinanzierten Unis, Frontalunterricht und Leistungsdruck. Und dafür zahlen sie mancherorts auch noch Studiengebühren. Tausende Studenten machen ihrem Ärger Luft und gehen auf die Straße - beim Bildungsstreik 2009.

Vermurkst wurde in den Augen von Hochschülern und zahlreichen Professoren in erster Linie die Umsetzung der so genannten Bologna-Reform - also die Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse. "Die Anzahl der Prüfungen ist hoch, sämtliche Noten gehen in den Abschluss rein", schildert der Mainzer Asta-Chef Manuel Lautenbacher den Frust der Kommilitonen. "Erst einmal ins Studium reinschnuppern, das Studieren lernen - das geht nicht mehr." Der Studienplan sei hochgradig verschult. Nebenbei noch Geld fürs Studium zu verdienen, das sei schwer, klagt der Bachelor-Student der Geschichte.

 
Uni-Streik: "Bildung ausfinanzieren"

Vier Jahre bis zum Abschluss

Dabei sollte die so genannte Bologna-Reform bis 2010 eigentlich nur einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen. Klingt zunächst undramatisch, bedeutet für Deutschland aber eine tiefgreifende Umwälzung: Die Abschlüsse Bachelor (BA) und Master (MA) lösen die Abschlüsse Diplom und Magister ab. Während Studienzeiten von 12 oder 13 Semestern bis zum Abschluss bislang eher die Regel denn die Ausnahme waren, müssen Studenten den Bachelor nach spätestens vier Jahren in der Tasche haben. Dann können Sie noch einen Master draufsetzen.

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Schneller studieren

Die Regelstudienzeit beträgt für einen BA mindestens drei und höchstens vier Jahre, für einen MA mindestens ein Jahr und höchstens zwei Jahre. Die MA-Prüfung kann nur ablegen, wer bereits den BA-Titel hat. Diplom- und Magisterabschlüsse an Universitäten und gleichgestellten Hochschulen entsprechen dem MA. Das Fachhochschuldiplom ist im internationalen Vergleich dem vierjährigen Bachelor honours gleichgestellt.

Das Problem: Bei der Umstellung wurden in vielen Fächern einfach die Inhalte aus den vormals längeren Studiengängen in den kürzeren BA gestopft, erläutert Asta-Aktivist Lautenbacher. Die Reform sei zu einseitig auf die Verkürzung von Studienzeiten ausgerichtet gewesen, beklagt auch Peter Strohschneider, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates.

Betreuung "außerordentlich schlecht"

Heiß diskutiert unter Studenten sind auch die Jobchancen mit dem neuen Bachelor. Für Lautenbacher etwa steht fest: Er wird auf jeden Fall einen Master dranhängen. In der Tat wurde in der Wirtschaft schon Skepsis laut, ob Bachelor-Studienabgänger auch ausreichend qualifiziert seien. Das schürt Sorgen unter den Absolventen.

 

Bereits zu den Klassikern der Hochschulproteste gehört zudem die chronische Unterfinanzierung. Nicht nur, dass Studenten auf Facebook über Wasserflecken auf Teppichen und Auffangwannen in der Bibliothek klagen. Die Betreuung vieler Studenten sei "außerordentlich schlecht", mahnt Hans-Peter Liebig, Vorsitzender der baden-württembergischen Hochschulrektorenkonferenz. Die Politik hätte den Unis das Geld für die Bachelor-Umstellung verweigert. Konkret fordert er 15 Prozent mehr Geld für die Lehre. Der Rektor der Uni Stuttgart-Hohenheim grollt: "Mit einem leisen Brummeln und dem schriftlichen Verfassen von Resolutionen ist es offensichtlich nicht getan."

Ansturm auf die Unis

Allerdings: Die Hochschulen müssten einen Teil der Probleme auch selbst ausbügeln, räumt Liebig ein - insbesondere bei den proppevollen Bachelor- und Master-Lehrplänen. In der Politik rennt er damit offene Türen ein. Die Proteste richteten sich weniger an die Politik, sondern vor allem an die Hochschulen, glaubt Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz. Denn die müssten ihr Angebot so planen, dass es studier- und bezahlbar bleibe. Die gescholtene Bologna-Umstellung sei schlicht nicht die Aufgabe der Politik, so der Wissenschaftskoordinator der unionsgeführten Länder.

Doch damit nicht genug. Zum Frust über Bachelor und Geldmangel kommen volle Seminare und Hörsäle. Derzeit drängen so viele junge Leute wie nie zuvor an die Universitäten - um die 400.000 dürften es zum Start des Wintersemesters Anfang Oktober gewesen sein. Grund für den Ansturm: Nach Einführung der zwölfjährigen Schulzeit kommen in mehreren Bundesländern doppelte Abiturjahrgänge an die Unis, und die sind auch noch extrem geburtenstark. "Die Betreuungsrelation ist katastrophal", klagt der Hochschulverband.

 

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Auf einen Blick: Das fordern die Studenten

  • Soziale Öffnung der Hochschulen durch den Abbau von Zulassungsbeschränkungen, mehr Studienplätze und die Abschaffung von Studiengebühren
  • Nachbesserungen bei der Bologna-Reform: Abkehr vom Bachelor als Regelabschluss, weniger Verschulung, Möglichkeit zu individueller Schwerpunktsetzung im Studium, mehr Mobilität zwischen den Hochschulen
  • Demokratisierung des Bildungssystems durch mehr Mitbestimmung der Studenten in den Hochschulgremien
  • Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen durch Aufstockung des Lehrpersonals (Forderung nach 8.000 zusätzlichen Professoren), durch Förderung aller Studenten statt Elitenbildung, durch Einheit von Forschung und Lehre und durch Umsetzung freier alternativer Bildungskonzepte
  • Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems sowie mehr Lehrer bei kleineren Klassen
 

In ein paar Jahren fehlen die Studenten

Doch zumindest dieses Problem dürfte sich bald von selbst lösen: Die Kultusminister rechnen in den kommenden Jahren zwar noch mit deutlich mehr Erstsemestern - 425.000 Studienanfänger sollen es 2013 werden, wenn auch im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen ein doppelter Abi-Jahrgang die Schulen verlässt. Dann aber dürfte der Turbo-Abi-Effekt verpufft sein. Zudem werden die Jahrgänge geburtenschwächer.

 

Für die künftigen Studenten mag das beruhigend sein, für Wirtschaft und Hochschulen weniger. Bildungsforscher Klaus Klemm rechnet vor, dass etwa ab Mitte des nächsten Jahrzehnts rund 70.000 Studienplätze mangels Bewerbern nicht mehr besetzt werden können - Plätze, die Bund und Länder mühsam aufbauen wollen. Es gibt Prognosen, wonach schon 2014 bis zu einer halben Million Akademiker fehlen.

 
 
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